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4. Mai 2017

Ist das Kunst oder kann das weg?

Berliner Ordnungsämter sagen: Das kann weg! Ich denke auch nicht, dass es Kunst ist, aber ich glaube, es ist wertvoll. Objekte schöpferischer Kraft. Nicht von Giacometti oder Beuys. Es sind Menschen - Echos des Fühlens, wahrheitsgetreu, zurückhaltend und übersteigert. Lebende Wesen, die der Not ausgesetzt sind, brauchen eine Schutzhaut und niemand wirft es der Haut vor, dass sie nicht das Herz ist. Dennoch scheinen es manche Politiker den Bildern zu verübeln, dass sie nicht die Dinge selbst, und den Worten, dass sie nicht die Gefühle sind. Worte und Bilder gleichen Schalen: Sie sind ebenso Bestandteile der Natur wie die Substanzen, die sie umhüllen, nur wenden sie sich stärker an das Auge und liegen offener zutage. Ich behaupte nicht, dass die Substanz um der Worte willen, die Gesichter um der Bilder willen oder die Not um der Tugend willen da seien. In der Natur geschieht nichts um eines anderen willen. Diese Zustände und Hervorbringungen der Obdachlosigkeit sind nicht gezwungenermaßen in das Dasein einbezogen. Es wird so viel entsorgt und über Entsorgung geredet. Doch diese Sorgen werden wir damit nicht los. Deshalb sage ich: Das darf nicht weg, kann nicht entsorgt werden!

Ich engagiere mich ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe der Bahnhofsmission Berlin Zoologischer Garten. Hier sehe ich wachsendes menschliches Elend und Leid; Menschen sterben und verfaulen vor meinen und den Augen anderer, oft ohnmächtiger, ehren- und hauptamtlicher Helfer. Und täglich werden es mehr. Hier erwarte ich konkretes, energisches und gewolltes Handeln der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. Es geht nicht um Biomasse ohne Obdach, sondern um Gottes wertvolle Geschöpfe. Es braucht endlich radikale Männer und Frauen an den Schaltstellen der Macht, die bereit sind – auch gegen Widerstände – das zu tun, was getan werden muss: Mittel (Gelder) für Unterkünfte, Krankenhausbetten, Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Streetworker, Seelsorger, Krankenpfleger etc. bereitzustellen. Es geht nicht darum, sich selbst, sondern dem Leben ein Denkmal zu setzen.  

Orlando El Mondry