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27. Oktober 2017

Wer hilft bei Wohnungsnot?

Lange Schlangen beim weihnachtlichem Obdachlosenfest

Man könnte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel fast dankbar sein, dass er das Problem der Wohnungslosigkeit in Berlin wieder in die Öffentlichkeit gebracht hat – doch es ist ein zweifelhafter Verdienst, denn seit seinen Äußerungen zum Umgang mit „auffälligen und aggressiven“ ausländischen Obdachlosen im Großen Tiergarten dreht sich die Debatte um die ordnungspolitische Eindämmung kriminellen Handelns, statt um das strukturelle soziale Problem der Wohnungslosigkeit.

Fundiertere Auskünfte zur Lage von Wohnungs- und Obdachlosen in Berlin bekommt man in der zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot in der Levetzowstraße 12A in Tiergarten. In der seit 1979 bestehenden Einrichtung werden pro Jahr etwa 2.700 Menschen beraten. Die Leistungen reichen von der Beratung beim Umgang mit dem Amt über die Vermittlung zu Notunterkünften und Ärzten bis zur Bereitstellung eines Computerraums. Klienten können auch über die Adresse der Beratungsstelle ihre eigene Posterreichbarkeit sicherstellen – eine wichtige Hilfe beim Kontakt mit Verwaltung, Banken und Arbeitsplatz. In der von Berliner Stadtmission und Caritas betriebenen Stelle arbeiten 16 Mitarbeiter, davon vier Ehrenamtliche. Die Beratung erfolgt im Auftrag des Senats, der auch den Großteil der Kosten trägt.

Mit den politischen Entwicklungen hat sich auch die „Kundschaft“ der Beratungsstelle verändert: Hatten vor acht Jahren noch etwa 70 Prozent die deutsche Staatsbürgerschaft, sind es aktuell noch 56 Prozent, wobei der Rest größtenteils aus EU-Bürgern besteht. Zudem steigt der Anteil von Berlinern, die nach Verlust der eigenen Wohnung Unterschlupf bei Bekannten suchen, sowie von Leuten, die trotz Erwerbstätigkeit oder eines bestehenden Ausbildungsverhältnisses wohnungslos sind – eine Folge des großen Mangels an bezahlbarem Wohnraum in Berlin. „Das Problem wird nach unten weitergereicht“, sagt die Mitarbeiterin der Beratungsstelle Regina Berchner. Weil es zu wenige freie Wohnungen gibt, bleiben Wohnungslose über Monate in den überfüllten Notunterkünften, die eigentlich nur als kurzfristige Lösung gedacht sind. Auch die Unterbringung in Pensionen und Hostels ist nur in seltenen Fällen möglich. Der wichtigste Hebel zur Verbesserung der Lage von Wohnungs- und Obdachlosen bleibt damit, wenig überraschend, die dringend notwendige Schaffung und Sicherung von bezahlbarem Wohnraum.

Markus Wollina