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4. Januar 2018

Zwischen Leben und Tod

Es interessiert mich, ob man sich Klischees entziehen kann: Ich meine den Klischees, mit denen wir optisch Realität abblocken - den herkömmlichen Blickvorstellungen also -, dann den Klischees, mit denen sich jeder schon rein gestisch einordnet - den üblichen Darstellungen und Selbstdarstellungsriten -, und schließlich den Bildklischees, die wir Fotografen - derart belastet - immer wieder produzieren. Es ist also die Frage, ab man als Fotograf am Ende nicht mehr dazu beiträgt, die Realität zu verbergen, auch und vielleicht gerade dort, wo man sie scheinbar dokumentiert, als dass man auf sie hinweist.
Mit 20 kann man noch kein weiser Mann sein. Das ist nicht nur biologisch unmöglich, sondern auch seelisch und geistlich. Diese weise Ruhe stellt sich erst ein, nachdem ein Mensch die Höhen und Tiefen des Lebens gesehen und selbst durchlebt hat. Erst dann kann er loslassen und die Wirklichkeit betrachten und zulassen, wie sie ist. Ich versuche nicht mehr, die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen und zu verändern, sondern ich vertraue ihr. Viele von uns erheben den Anspruch, der Realität gewachsen zu sein, sind es aber nicht. Wir lehnen Klischees ab, unterwerfen uns ihnen aber gleichzeitig. Es leuchtet ein, dass man dem Leben vertrauen kann, wenn man es entdeckt hat. Aber das gilt auch für den Tod. Misstrauen entspringt der Unfähigkeit, die Wirklichkeit klar zu erfassen. Dem Tod vertrauen heißt, anzunehmen, dass er existiert und zum Leben gehört. Die Annahme des Todes ist das Tor zum Leben. Mit "Tod" meine ich nicht nur den physischen Tod, sondern all die kleinen Tode, die wir sterben müssen. Jeder Verlust, jeder Abschied ist eine Einübung ins Sterben. Deshalb beinhalten meine Fotos nicht nur Leben, sondern immer auch den Tod.

Zwei Jahre habe ich obdachlose Menschen mit der Kamera begleitet und dabei eines von ihnen gelernt: Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes „begriffen“, was den meisten von uns unbegreiflich ist.

Orlando El Mondry