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2019 ist fast vorbei

Überraschungen auf der Straße – Mitte oder Manhattan?

Im November mag niemand spazieren gehen. Beim Bäcker gibt´s jetzt

bunte Pfannkuchen, auch Weihnachtsschmuck ist schon da. Jahreszeitliche Events sind verlässlich, während neue Leute nur kommen und gehen. Das Kiezgefühl schwindet, das öffentliche zu Hause wird beliebig. In Berlin sollen die am wenigsten glücklichen Menschen mit der ungeliebtesten Regierung leben, doch deren Mietendeckel wird geschätzt. Dieser begehrteste Wirtschaftsstandort ist eine Touristenattraktion, hat 40 000 Sharing-Fahrzeuge, davon 16 000 E-Scooter und 14 000 Mietfahrräder, wohl vorwiegend in Mitte. Geklärt ist, die Begrenzung auf 10 Stundenkilometer war ungesetzlich, daran hielt sich auch am Koppenplatz kaum jemand. Tempo 30 bremst auf 250 Metern Invalidenstraße keineswegs den Berliner Verkehrswahn. Die Unfallecke wird bebaut, das Tacheles-Gelände zeigt schon meterhoch Zukunft.

Novembertage sind meist grau, kurz, feucht und kühl. Mehrfach ist Trauer angesagt, die funzlige Straßenbeleuchtung hebt keine Stimmung, für Fußgänger bleibt’s gefährlich. In der Torstraße schließt am Jahresende der Papierladen, einst war er dreimal größer. Manche nennen das Heimatverlust. Ein Café soll einziehen? Hausgebackener Kuchen, Kette? Start-Up und co-working Space brauchen mehr Raum. Nebenan bieten Blumen- und türkischer Gemüseladen auch Kaffee an. Eine Novemberwoche war ich in Manhattan. Grelle Sonne, Kälte, Menschenmassen, Restaurant-Preise enorm gestiegen, geduldige Warteschlangen, wo es handgemachte Kekse gibt und die MoMa begeistert in neuer Gestaltung. In der Subway sitzt oder steht erschöpfter als in Berlin die arbeitende Bevölkerung. Für Touristen sind glitzernde Spitzen allerneuster Hochbauten faszinierender denn je, Einheimische hoffen auf zuverlässigere Bahnen und Busse, nutzen Fahrradwege. Sponsoren, Mäzenen und trickreiche Unternehmen finanzieren gepflegte Uferfreiflächen, grüne Oasen, Kunst im Raum, öffentliche Stühle und Bänke. Freizeit ist wertvoll, Ältere und sehr Alte werden umworben, sind überall, kaufen, schwatzen, flanieren, gehen mit deutlichem Seniorenrabatt in Museen und Kino-Frühvorstellungen. Und nicht nur am Vorabend in Restaurants. In Berlins Mitte ist meine Generation 75+ fast unsichtbar. Das „Hackesche Höfe“-Kino lockt die 66+ mit 1(!) Euro, sonntags mit 2 Euro Rabatt. Das soll Zuschauer bringen? Mittes Bezirksamt hat 1 600 Senioren, mich nicht, nach Wünschen und Sorgen befragen lassen. Mal sehen, was dabei rauskommt.

Irene Runge