Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen

Befreiung - Verpflichtung

SZ Photo
Sowjetische und US-amerikanische Soldaten in Torgau, 1945

Die Corona-Pandemie hat nichts damit zu tun, dass dieser 75. Jahrestag des Kriegsendes, das zugleich die Befreiung vom Hitlerfaschismus bedeutete, seitens der Bundesregierung auf eher beschämende Weise nicht begangen wird. Im November 2019 erklärte die Bundesregierung nach einer Anfrage der Linksfraktion im Bundestag, sie werde zu „gegebener Zeit“ informieren, was sie plane, und sie prüfe, ob sie einer Einladung der russischen Regierung zur Gedenkveranstaltung am 9. Mai in Moskau folgen werde. Nun gibt es ausreichend gute Ausreden, sowohl der Einladung nicht zu folgen als auch den 8. Mai hierzulande als einen Tag wie viele andere vergehen zu lassen. Mit ein bisschen Brimborium, als sei dieser von Deutschland angezettelte Krieg, in dessen Folge rund 50 Millionen Menschen ihr Leben verloren und ein selbsternanntes Herrenvolk sich anheischig machte, die Juden Europas zu vernichten und sechs Millionen von ihnen ermordete.

Das wird unserer historischen Verantwortung in keiner Weise gerecht. Es ist beschämend.

Der Historiker Götz Aly schrieb in einem Kommentar: „Derzeit wird es am 8. und 9. Mai schwierig, denjenigen zu danken, die unsere Stadt befreiten. Von wem eigentlich? In unseren Gedenkstätten lesen wir „vom Naziregime“. In Wahrheit mussten die meisten Deutschen von sich selbst befreit werden.“

Die Debatte, ob der 8. Mai bundesweit ein gesetzlicher Feiertag sein sollte, ist wieder verebbt. Auch das ist beschämend. Berlin hat in diesem Jahr den 8. Mai zum Feiertag erhoben, wissend, dass kaum ein anderes Datum so sehr verpflichtet, Feiern mit Gedenken, vor allem aber mit Handeln zu verbinden. Die Zahl antisemitischer Straftaten steigt. Mit der AfD ist eine Partei in die Parlamente gezogen, die für Rassismus, Antisemitismus, Verharmlosung des größten Menschheitsverbrechens der Geschichte steht.

Die Stimmen, die rufen, dieser Tag sei kein Tag der Befreiung gewesen, werden wieder lauter. Sie waren nie verstummt. Sie versuchen, den Tag, an dem das finsterste Kapitel deutscher Geschichte endete, anders zu besetzen, umzudeuten, zu relativieren. Dagegen müssen wir uns wehren.

Und auch wenn wir in diesem Jahr nicht Hand in Hand, Seite an Seite gemeinsam an Orten der Erinnerung jene würdigen können, die den Zweiten Weltkrieg beendeten und Hitler besiegten: Gedenken wir, vergessen wir nicht und danken wir jenen, die Deutschland am 8. Mai 1945 befreit haben.

 

Carola Bluhm