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Der goldene Herbst

Warten auf grün

Nagelstudios, Barbershops, Minibreweries, Schnapsbrennereien, Veganes, Rohkost - alles ist da und Englisch längst Zusatzumgangssprache in Mittes Mitte. QA, also Question/Answer, heißt die App des Ordnungsamts, die meine Wut über Dreckhalden aufnimmt. Ist alles weggeräumt, leuchtet die Handy-Bearbeitungs-Ampel grün. Aber warum sammelt die BSR nicht wie früher den Sperrmüll ein?

Überall Veränderungen. Am Tacheles-Gelände wachsen erste Etagen, am Weinbergsweg und in der Brunnenstraße lässt sich beim Backen zusehen, koreanische Speisen und japanischer Kuchen bereichern Berlins Asiaküche, auf Spielplätzen wimmelt die übernächste Generation. Was bleibt sind Straßendreck, Verkehrschaos und Obdachlose. Die Stimmung ist gereizt. Zwei Fahrradstreifen für die Invalidenstraße? Die Torstraße bleibt Rennstrecke? Fünf bis 10 Jahre dauert’s bis zum längeren Fußgängergrün? Rosenthaler Platz, Hackescher Markt, Oranienburger Tor/Friedrichstraße sind heute gefährlich! Gerade ebbt der Auto-Frust ab, dem Stadtverkehr sind Fußgänger lästig, die Umwelt wartet ungeduldig auf geistige und physische Erneuerung. Es dunkelt früh. Der Herbst, gülden warm, das Laub bunt, daraus wird Berlins „Indian Summer“, bald rutschen wir auf glitschigen Blättern. Herrlich herbstlich war das „Festival of Lights“, ein Lichtspektakel mit Flaniermeilen, Farben, Tönen und zehntausenden Spaziergängern, Gebäude, Straßen und Plätze zeigten vergessenes Stadtflair. Zwischen Nikolaiviertel und Gendarmenmarkt waren Biergärten voll, Lichtzauberei verzückte, am stattlichen Neubau zwischen Spree und Karl-Liebknecht-Straße flimmerte Vor-Vorgeschichte. Hier stand vor 100 Jahren ein prächtiges Gründerzeit-Hotel. Das war, als der bessere deutsche Mann Gehrock trug und Juden nicht leiden konnte. Jetzt naht der 9. November. Denken wir auch an 1918, 1923, 1938! 50 Jahre nach dem „Kristallnacht“-Pogrom von 1938 verkündeten 1988 Partei und Regierung der DDR in der Oranienburger Straße vor Menschenmassen den Aufbau der Synagogenruine. 1989 sprach hier der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Ostberlin über aktuelle judenfeindliche Übergriffe. Dann fiel die Mauer. 2019 formierte sich, überstrahlt von der altneuen Goldkuppel, im Oktober eine Menschenkette zum Symbolschutz des teilrekonstruierten Gotteshauses, heute vor allem Museum. Der jüdische Alltag fehlt, die Gegend prosperiert. Das kann nur besser werden!

Irene Runge