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Eine Stadt riecht jeden Tag anders

Theodor Fontane am 26. Mai 1859: „Wir saßen vorgestern beim Nachmittagskaffee in unserer Geisblattlaube und sogen die Ecke Berliner Gartenluft (Blumen vorne und Müllkute hinten) in vollen Zügen ein“. In der Potsdamer 33 gabs noch keine Kanalisation. 1872 fragt er: Ist Berlin Weltstadt? Und schreibt: Ja und nein. Und  heute? Da stopfe ich mich eine Woche in Midtown Manhattan mit mehr Weltstadt, Kunst, Kitsch, Leuten, Bautempo, Gerüchen, Kuriosem und Kulinarischem voll als in sechs Berliner Monaten, merke, wie sicher die Stadt auch spätabends ist. Angenehm, dass „Sorry“ sagt, wer im Weg steht, dass es wenig aggressives Gedränge trotz Stau und Stress gibt und neue Fahrradwege, dass auch uralte Bewohner zu fuss unterwegs sind. Hier wird oft gelächelt, gelacht, tragen Hunde Schuhe, wartet der Bus auf Rennende wie mich. Berlins vereinigte Mitte (40 qm, 304 000 Einwohner) tickt anders als das brutal gentrifizierte Midtown-Manhattan (6 qm Fläche, 105 000 Einwohner). Dort Immobilienhöchstpreise, unbezahlbar das Wohnen, Menschenmassen, deren Lebensqualität sinkt, jährlich verdrängt werden 40 000 aus Manhattan nach Brooklyn, Queens, New Jersey und weiter. Die gleiche Zahl zieht pro Jahr ins sozialere Berlin, wo in Sachen Rücksicht Nachholbedarf besteht. Midtown blitzt, blendet, spiegelt, sticht spitz zum Himmel, auf Erden bröselt Infrastruktur, gepflegte, bepflanzte Fußgängerinseln haben Tische und Stühle. Ob Süd, Nord, Midtown oder Harlem, East- oder Westside, alles dicht bevölkert. Der Central Park gehört den Anwohnenden, arm, reich, einsam, auch dem Hund, Paaren, Gruppen, Kindern, Gebrechlichen… Bänke tragen Spender-Namen, Rauchen, Übernachten, Alkohol verboten. Auch Müll-Leute, Volunteers und Mülleimer helfen dem Stadtvolk, die Regeln zu respektieren. Berlins Mitte setzt auf Selbsterziehung, ganz Berlin hat spekulativem Bauen und Mietwucher den Kampf angesagt. Bald öffnet das quittenfarbige Schloss, irgendwann folgen Rand-, Lücken-, Dachbebauungen, U 55, St. Hedwig, Bauakademie, Alexanderplatz, Pergamon, Spreebad, Molkenmarkt, Staatsbibliothek… Hudson Yards in Manhattans Mitte hat nur riesige Luxusbauten auf zugeschütteten Bahndepots. „The Vessel“ sind acht ersteigbare Etagen unter freiem Himmel, ohne Eintritt, vieleckig, privat finanziert, 360 Grad Weitblick, Ein gewaltiges Kunstbauwerk, kein Haus, eine Aussichts-Treppe. Oben bekam ich Höhenangst.