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Erhellend: „Der blinde Fleck“

Seit 23. Januar läuft „Der blinde Fleck“ in den Kinos – ein sehenswerter Film über die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat 1980.

Schon zu Beginn ein Schocker: Herbst 1980, Strauß gegen Schmidt – so emotional kann Wahlkampf sein? Dann der Knall der Bombe auf dem Oktoberfest, 13 Tote, Dutzende Schwerverletzte und chaotische Ermittlungen in den Tagen danach. War's die RAF? Oder die rechtsextreme „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die der bayerische Staatsschutz irgendwie übersehen haben muss? „Lassen Sie sich was einfallen!“, bellt ein genervter Kanzlerkandidat Strauß den bayerischen Staatsschutzchef Dr. Langemann an. Der geht in sich und kurze Zeit später laufen die Dinge genau so, wie sie in dessen Dissertation „Das politische Attentat“ beschrieben werden. Offiziell war es ein „frustrierter Einzeltäter mit Allgemeinhass“. Ulrich Chaussy (gespielt von Benno Führmann), Journalist des Bayerischen Rundfunks, glaubt nicht an die Einzeltäterthese und ermittelt auf eigene Faust. Ungereimtheiten treten zutage: auffallend früh informierte Journalisten, eine abgerissene Hand, die zu keinem der Opfer passt, verschwindende Dokumente, Schweigen, Mauern, Vertuschungen. Chaussy kommt in seinen Recherchen kaum voran und ist erst zu bremsen, als seine Familie bedroht wird. Wer wissen will, wer letztlich für das Attentat verantwortlich war, wird enttäuscht. Doch der Film erzählt eine Menge über den Zusammenhang von Politik, Staatsschutz und willfährigen Pressevertretern, die in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit einen Ring des Schweigens aufbauen. Erst gegen Ende der 90 Minuten zeigt sich, wie aktuell der Film ist. Zeitsprung: 2011 erfährt die Öffentlichkeit vom NSU. Für viele zeigt sich der Rechtsterror zum ersten Mal nach 1945. Für Chaussy ist es dagegen ein Déjà-vu-Erlebnis. Wieder die Frage: „Hatte der Verfassungsschutz mit seinen V-Leuten die rechte Szene nicht im Griff?“ Oder allgemeiner: „Ist er symptomatisch, der blinde Fleck?“ Der Film läuft z. B. im Kant-Kino (Charlottenburg) oder in der Passage (Neukölln).

 

André Ullmann