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Frust und Hoffnung

Einerseits bin ich optimistisch, andererseits irritiert. 2020 - fast vorbei, ereignisloser als geplant, keine Reise, aber Einsichten, gespartes Geld macht nicht glücklicher. Mein Alltag ist weg, der Winter-Lockdown sichert überall die Maskenpflicht, Medien setzen der politischen Klasse zu. Gesetze sind gut, wenn die Kontrolle funktioniert. Nachts wird auf dem Koppenplatz gelegentlich gefeiert. Happy ist niemand, die Zeit für banale Sprüche läuft ab. Stimmt es, dass Mittes Gesundheitsverwaltung 1000-fach angestiegene Corona-Verdachtsfälle aus Raum- und Personalmangel nicht mehr erfassen kann? Was soll da das Begehren der Linken-Fraktion, die BVV möge helfenden Soldaten beiderlei Geschlechts das Tragen der Dienstuniform verbieten? Klassenkampf light? Berlins Parteisoldaten an die Virenfront? Immer öfter geht’s bei privaten Telefongesprächen vorrangig um Corona. Der Virus breitet sich unbeeindruckt von politischem Sektierertum und Querdenkerei aus, ich spaziere kaum herum, wenn, weiche ich anderen Passanten weiträumig bis auf den Fahrdamm aus. Selbst Friedhöfe sind ein begehrtes Ausflugsziel der Innenstädter, nicht nur deren Autos drängen und stauen sich in schmalen wie breiten Straßen, Radler rasen wie immer, die Straßenbahn ist außerhalb von Stoßzeiten fast leer. Es herrscht düstere Sonntagsstimmung. Ohne das städtische Publikum, die Interaktion mit Imbiss, Gastronomie, Kino, Theater, Klubleben können selbst geöffnete Frisör-, Klamotten-, Lebensmittel- und andere Läden die Kultur urbanen Wohlbefindens nicht erhalten. Und nirgends ein WC. Mich gruselt vor Menschenleere, bei Dunkelheit bin ich zu Hause, keine gemütlichen Kochabende mit Freunden, selbst der Rosenthaler Platz ist ungastlich. Nicht Wetter schadet der guten Laune, sondern der Zustand der Welt. Und doch geht's allerorten auch weiter: Das Tacheles lässt hoffen, Gebäude wachsen in Rosenthaler- und Invalidenstraße, dort beginnt der radfahrfreundliche Umbau, der die Fußgänger hoffentlich nicht übergeht, selbst verkommenen Geisterhäusern soll wieder Leben eingehaucht werden, doch jetzt verkleben herbstliche Baumblätter die Gehwege. Ein junger Mann geht vorsichtig an zwei Krücken. Ich rutsche vor ihm aus. Ist wachsende Gleichgültigkeit Voraussetzung oder Folge politischer Verdrossenheit? Berlin fehlt Ordnung, das Amt ist da. Der Frust könnte sich im nächsten Herbst als Wahlverhalten outen. Siehe USA.

Irene Runge