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Fußgänger wie ich

Manchmal verfinstert Einsicht die Welt. Das begabte Kind sagt in Woody Allens Frühfilm „Annie Hall“ („Der Stadtneurotiker“) zum Arzt, Lernen sei überflüssig, das Universum expandiere. Das Universum ist deine Sache nicht! schreit die Mutter. Brooklyn wird  nie expandieren. Wiedergesehen im „Arsenal“ am Potsdamer Platz. Brooklyn und Berlin sind seit 1977 expandiert. Der Potsdamer Platz stagniert. Nach Ladenschluss wird’s schnell menschenleer, das verhindern weder Büros, Bus und Bahnhof, an- und abreisende Kauf- und Laufkunden, Kino, Showbusiness, Touristenschmaus, noch Universum, Smart City, wachsende Stadt, künstliche Intelligenz, Digitalisierung oder Hotels. Die Mall wird umgebaut, doch für Großstadtflair braucht's exzentrische Stadtmenschen, Gaffer aus nah und fern, Flaneure, Nachbarn, sogar Taschendiebe, und eine spezielle Infrastruktur. Engmaschige Cafés, Restaurants, Bars, Tingeltangel, auch Sehnsucht, man sieht, wird gesehen, vervielfacht in der Spiegelkraft der Schaufenster. Das ist Spaß, die Realität heißt Machtwortspiele, Leerstand, Raumknappheit, Bauvorhaben, Anti-Leerstands-Parolen ohne Visionen. Berlins Widersprüche blockieren. Zukunftsträchtig wird in der Oranienburger Straße gebaut, das Haus 46/47 verfällt. Geredet wird von Personalmangel und behördlicher Unfähigkeit, Bauarbeiter verschwinden bei „auffliegender Schwarzarbeit“, Straßenlaternen leuchten, doch Parks, Straßen, Plätze, Bahnsteige gruseln im Dunkeln. Ich mag, dass „Spätis“ spätnachts den Rosenthaler Platz beleuchten, Kundschaft die Gegend belebt. Am Wochenende sind Touristen das Zubrot der Metropole. Doch dieses Stadtleben endet einige Straßenbahnstationen Richtung Ahrensfelde. Kaum Bewohner, keine Touristen, niemand flaniert vor Wohnriegeln, Punkt-Hochhäusern, Kastenbauten, Supermärkten, Freiflächen, parkenden Autos. Dort lebt es sich anders als in meiner Mitte der klassischen Straßen, Bürgersteige, der unterschiedlichsten Menschen, die drängen, schlendern, rennen, in viele Sprachen sprechen, nachmittags im Café frühstücken, wenn sie nachts arbeiten. Es gibt Blickkontakt, Lächeln, Bewegung, Kino, Theater, auch Natur, Lärm und Dreck. Vertraut ist der Gegensatz der Lebensweisen, das unterschiedliche Timing, sich ändernde Gewohnheiten, sind Grenzfälle, ist Mode - derzeit schwarze Socken, weiße Sneaker, keine Socken, Stiefelchen, Flatter- und Röhrenhosen. Man speist bio-exotisch, genießt Döner, Pizza, Coffee-to-go und einen Schwatz am Rande. Urban ist Kiezleben auch für Fußgänger wie mich.   

Irene Runge