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Gestern. Heute. Morgen.

Sogar Litfaßsäulen im Corona-Krisenstatus

Manche Geschäfte geben auf, andere eröffnen: Der Hundebedarf Ackerstraße, und bei „Barcomi’s“ wird Brot gebacken. Die neue Zeit bringt mich mitten in Mitte ans Berliner Schloss. Manche denken, nur die öde Ostseite heiße Humboldt Forum. Die U5 wird hier halten, sie unterquert auch die wuchtige Karl-Marx-Allee, immer schon fehlt mir über den U-Bahn-Stationen ein Linienbus. Die alte Stalinallee bot Wohnkomfort, kaum mehr denkbar die beliebten Läden im Erdgeschoß und das schlendernde Volk.

Jetzt wird die Stadt nördlich vom Hauptbahnhof weitergebaut, in vier Jahren hat die Heidestraße auch einen breiten Grünbereich. Ich hoffte auf den urbanen Erlebnis- und Kulturort, die zukunftsfähige städtische Umwelt, stattdessen wird die Europacity ökologisch korrekt zur überdimensionierten Vorstadt-Wohnsiedlung. Privat, gemeinschaftlich, öffentlich, viel Grün, mir zu beliebig, zu windig, zu ungemütlich, zu niedrige Wohn-Kästen, keine stolzen Wahrzeichen, Fassaden enttäuschen, mein Blick rutscht ab. Hier gibts Tiefgaragen, rollt der Autoverkehr, mehr ÖPNV wäre nötig, aber die mögliche S-Bahn-Station wurde wegrationalisiert. Ebenerdig, parallel zur breiten Durchfahrtstraße, große Fenster für künftige Geschäfte. Gibts Vorfreude? Die Tankstelle war schon früher da.

Ortsgebundene städtische Identität mag der historische Berlin-Spandauer-Schifffahrts-Kanal schaffen, jetzt beidseitig durch ordentliche Uferwege gesäumt. Rekonstruiert wird das Speicherhaus, auf Stufen, Bänken, Treppen lässt sich sitzen, wie werden Fahrräder, Fußgänger, Kinderwagen, Rollatoren sich beim Queren des Wassers auf den zwei neuen Stegen arrangieren? Welchen Umgang sollten Neugierige, Flanierende, Eilige, Schlachtenbummler und die Neueinwohner pflegen?

Dass Politiker, Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner das Terrain ohne ungewöhnliche Ideen, ungewohnte Materialien und Formen entwickelt haben, das ist bedauerlich. Experimentiert wird in fernen Städten, da verblüffen gemeinschaftliche Gemüse- und Freizeiteinrichtungen, riesige Indoor-Aquarien, grüne Dächer und Keller, nach Menschenmaß gestaltete Parks und Plätze vor, neben, hinter, über, unter, auch zwischen bunten Wänden, Zäunen und Toren.

Berlin verkennt Zeichen der Zeit. 2030 werden hier über 844 000 Menschen leben, älter als 65, 263 000 älter als 80. Urbane Nöte? Neue Herausforderungen? Umbrechender Alltag? Auf Berlins ideologischem Kampffeld ist das verstellt.

Irene Runge