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Prof. Dr. Anni Seidl: Die Menschen müssen erkennen, dass wir sie verstehen

Als einen praktischen Kompass für unser Nachdenken sieht Anni Seidl das jüngst eröffnete Futurium am Alexanderufer 2, das Haus der Zukünfte, das die bisher schon zahlreichen Besucher mit der Frage "Wie wollen wir leben?" konfrontiert. "Die Politik, auch die der DIE LINKE, tut sich mehr als schwer mit dem Morgen, das längst begonnen hat", betont die promivierte und habilitierte Politik- und Geschichtswissenschaftlerin.  "Ob, wann und wie ein Systemwechsel erfolgt, ist mehr als offen. Auch ob er den Namen Sozialismus trägt. Aber wir brauchen erst mal den Erhalt demokratischer und sozialer Lebensbedingungen".

Prof. Dr. Seidl weiß, wovon sie spricht, wurde sie doch in ihren 85 Jahren Leben von vielen Erfahrungen, Wende und Umbrüchen geprägt. 1934 in der Nähe des heutigen tschechischen Svitavy in einer katholischen Bäckerfamilie geboren, stand sie schon als 18-jährige Neulehrerin in Grevesmühlen vor einer Klasse mit 40 Kindern. Nach ihrem Studium von Germanistik und Geschichte promovierte sie an der Berliner Humboldt-Universität und war 1979 eine der wenigen weiblichen Habilitanten unter 300 Anwärtern, die ordentlich oder außerordentlich zu Professoren berufen wurden. Ihre Vorlesungen und Seminare in wissenschaftlichem Kommunismus und Geschichte wurden von den Studenten und anderen hoch geschätzt.

"Bis zum Herbst 1989", wirft Anni Seidl ein. "Gleich nach dem 40. Jahrestag der DDR begannen in den Hörsälen und Seminarräumen Unruhen von Studierenden. Laute Fragen nach der Zukunft des Landes wurden gestellt, wuchsen Proteste gegen Zustände", kann sie nicht vergessen. Die "Wende" kam, sie gehörte zu den 95 Prozent aller Wissenschaftler, die unversehens entlassen oder frühzeitig emeritiert wurden.

Eine kluge Partei und denkende Bürger

"Die Bürger fühlten sich in den 90-er Jahren alleingelassen, Millionen standen plötzlich vor dem Nichts. Heute, nach 30 Jahren, werden endlich Wahrheiten ausgesprochen. Warum haben wir das nicht damals schon getan?", fragt Anni Seidl. "Wir müssen so mit den Menschen reden, dass sie erkennen, wir verstehen ihre Probleme, aufhören, alles besser wissen zu wollen."

Die in Jugend- und Parteiarbeit reich erfahrene, versierte Politologin fordert jetzt für DIE LINKE eine Programmdebatte, "die soziale Gerechtigkeit unter gravierend veränderten kapitalistischen Bedingungen" schafft. "Die Rechten werden weiter an Raum gewinnen, wenn die demokratischen Kräfte versagen", betont sie. Alleine gehe das nicht, Kompromissbereitschaft gegenüber anderen Demokraten sei dringend notwendig. "Jegliches Machtgehabe und Festhalten an Posten werden zunehmend durchschaut und nicht akzeptiert. Wir haben doch eine kluge Partei und denkende Bürger". Im Vorstand von Mitte, in der Historischen Kommission und im Ältestenrat der DIE LINKE will Anni Seidl unablässig und verstärkt darauf verweisen.

Matthias Herold