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Wo? Was? Wie? Wann?

Mir kommt der Zeitsinn abhanden, manche wollen von nichts wissen, alle reden über Corona, die Masken werden bunter, auf Bürgersteigen wird wieder Rad gefahren, schniefen Jogger, dabei ist Minimaldistanz eine zivilisatorische Errungenschaft. In der Tram versperrt mir das Fahrrad des Unmaskierten den Einstieg. Ich murre maskiert, er droht. Ist das der Irrsinn Einzelner? 1938 konnte fürs deutsche Volk kriegsvorbereitend eine „öffentliche Daseinsvorsorge“ erwogen werden, da war der jüdische Teil der Bevölkerung bereits entrechtet. Heute bedeutet öffentliche Vorsorge, dass Bundesländer, Regionen, Kommunen, Gemeinden, Stadtbezirke im Staatsauftrag wirtschafts-, gesellschafts-, sozial- und kulturpolitische Leistungen für die ganze Bevölkerung umsetzen, aber mit Corona kommen auch die neuen Sichten und Projekte. Ähnlich wie um 1900? Berlins Hygiene hatte vorbildhaft staatlich und unternehmerisch auf gewesene Seuchen reagiert, die Industrialisierung vervielfachte Menschenmassen, Mietquartiere, Eigentum, Armut, Verkehr, Kommunikation, Freizeit, Schnaps und Wohltätigkeit, Kriegs- und Nachkriegszeit veränderten soziale, ökonomische, kulturelle, psychologische Ansprüche, technische Revolutionen griffen, politisch gesteuert, auf die Versorgung mit Gas, Wasser, Energie, Abwasser, Abfall, auf Kommunikation, Post, Medien, Schulen, auf Kitas, Krankenhäuser, Nahverkehr, Verwaltung, Gesundheit, Polizei, Justiz, Sicherheit, soziale, karitative, kulturelle Dienste zu. Jetzt hat die digitale Revolution die gesellschaftliche Software gepackt, Lebensstile passen sich an. Die heutige Ruhe ist für Berlins Mitte so trügerisch wie schwacher Verkehr, doch der Himmel bleibt azurblau, grellgelbe Sonne, strahlendes Häuserweiß, sattes Grün in Parks. Noch sind Passanten umsichtig, gilt Abstand auf breitem Trottoir, wird der vorsichtige Gang durch befremdlich leere, saubere, stille Nebenstraßen zum Abenteuer. Der geweitete Blick fällt auf verborgene Ecken, alten Stuck, witzige Graffiti, verwachsene Friedhöfe, prächtige Blumen, Hinterhöfe, Schaufenster, Menschen, die auf Treppenstufen sitzen.

Einst machte Stadtluft frei von der Last ländlich-familiärer Bindungen, selbst ärmere Stadtnachbarschaften verhießen freies Leben, Arbeit, Politik, Amüsement, Kinder, Leid, Tod. Das ist Geschichte, die Gegenwart hat Corona, das Miteinander braucht rigide Regeln, doch alte Gewohnheiten verharren. Mal sehen, wie es jetzt weitergeht.

Irene Runge