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Zwischen gestern und morgen

Es klingelt. Der junge Mann mit den Herbstastern ist der neue Untermieter von zwei Treppen höher. Er wohnt unter dem armenischen Künstler, über dem Computermann aus den USA, und kommt aus Wales. Den walisischen Vornamen vergesse ich sofort. Die schöne Geste erinnert an vergangene Zeiten. Heute ist Berlin bunter, auf den Straßen wird’s eng, groß, gar weltstädtisch, doch wo alles fließt, braucht es stabilen nachbarschaftlichen Umgang.

In der Oranienburger Straße schloss nach 30 Jahren das Café Orange. Hier gediehen auch jüdische Kontakte. Hermann Simon, Stammgast, Gründungsdirektor des benachbarten Centrum Judaicum, schrieb in der „Berliner Zeitung“ vom Verlust, und er erinnerte an die Gastronomie-Geschichte der Gegend, daran, dass jüdische Funktionäre einst die Stimmung ihrer Basis auch im Kaffeehaus erkundeten. Trauer trägt auch die Kundschaft am Weinbergsweg. Der kleine Bioladen gab wegen steigender Miete auf. Wieso verschwand der Japaner von der Insel Rosenthaler-/Ecke Mulackstraße? Auf zugeklebten Scheiben steht, bald werde es dort vegane Burger aus Wien geben. Mir wäre ein Kaffeehaus mit Sachertorte lieber, doch Burger-Hunger scheint profitabler. In der Torstraße wurde ein türkischer Kuchenimbiss durch Burger verdrängt, in der Rosenthalerstraße gibt’s mehrere, darunter Kreuzburger, auch in der Oranienburger, am Rosenthaler- und Monbijouplatz. Der November wird die Gäste ins Innere treiben. Ich bin dann ein Jahr älter, erwarte den nächsten Mitte-Hype.

Im November wird aber auch zurückgedacht. Am 9. November 1918 rief Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses das Ende der Monarchie und den Beginn der kurzlebigen Republik aus. Heute heißt es, er stand unter oder neben dem Balkon. Wie auch immer, die Demokratie scheiterte. 20 Jahre später jagten in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 zig-tausend Männer deutschlandweit Juden. Die „Kristallnacht“ wurde dem Vergessen entrissen, doch unbekannt bleibt, wer damals brandschatzte. Sonderbar vernachlässigt ist auch die Erinnerung an die gewesene jüdische Welt des Scheunenviertels. Stadt und Bezirk haben den besonderen unter den vernichteten Orten jüdischen Lebens bisher kaum markiert. Jetzt steht der Schloss-Nachbau vor der Vollendung. Unvorstellbar, dass dessen Umgebung dereinst belebt und beliebt war, und das enge Scheunenviertel, seine Bewohner, Betstuben, Koscherläden, die jiddische Sprache nur fußläufig entfernt. All das sollte sichtbar sein!

Irene Runge