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Zwischen Hochsommer und Hochwinter

Wie lange dauert es noch mit dem Tacheles-Quartier?

Stört mich das Alter, stört mich das Wetter? Das hängt vom Kontext ab. Im Sommer ist’s subjektiv vergnüglicher, im winterlichen Niesel wirkt Berlins mittlere Mitte weitläufiger, grauer, dreckiger, lauter, provinzieller als gedacht. Bei Sonne lächeln Fußgänger, scheint’s mir bunter, aufgeräumter, sauberer, weltoffener, romantischer zu sein … In Berlin Mitte gibt es 380 000 Einwohner, 3,34 Quadratkilometer Bürgersteig bzw. 691 Kilometer Fussgängernetz, aber diese Zahlen erzählen keine Geschichten, nichts über 50% der Einwohner mit nicht-deutschem Background, über soziale Spannungen, Löcher, Fahrräder, Skateboards, Hundehaufen und Abfälle jeder Art. Wer hier gehen, laufen, rennen, schlendern, bummeln muss oder will, arrangiert sich.

In die Mitte der Mitte des Universums Berlin drängen Menschen. Manch modischer und kulinarischer Schrei findet sich in den Nebenstraßen. Auch hinterm Rosa-Luxemburg-Platz, wo Suhrkamps Neubau die Sichtachse verändert, wo am Spielplatz Zolastraße ein Zettel nicht vor Ratten, Vandalismus, Abriss, Umbau oder Drogenfunden warnt, sondern zum Urban Gardening einlädt, zu vernetzter Nachbarschaft, Kinderspaß, eigenen Beeten (max. 60 cm Fallhöhe!), Gießen und Rattengittern. Siehe nebenan.de. Am Koppenplatz und Monbijoupark wird nicht gegärtnert, Putzkolonnen sind unterwegs, bald kommen Sonnenanbeter. Hoffentlich erholt sich der Rasen. Verschwunden ist die Obdachlose, für die morgens nachbarschaftlicher Kaffee neben der Bank dampfte, auf der sie schlief. Das neue Jahr lebt sich ein. Grüne Woche und Fashion Week, junge Männer in langen Röcken und wehenden Pelerinen sind gewesen. Es gibt neue Nagelstudios. Woher kommen junge Vietnamesinnen, die kein deutsch sprechen? Gerade habe ich entdeckt, dass sich in der Torstraße auch georgisch essen lässt. Unweit davon werden zwei leerstehende historische Häuser vor weiterem Zerfall gerettet. Jetzt residiert Google denkmalsgeschützt in der Tucholskystraße, das wird die Gegend zusätzlich beleben. Aber aus dem Großbau Oranienburger Straße wachsen noch keine Erdgeschosse mit Cafés.

Ost und West, alte und nördliche neue Mitte, Wohlstand, Arbeitslosigkeit, Armut und Bildungsabschlüsse klaffen auseinander. Seit 30 Jahren für mich die Berliner Realität.

Irene Runge