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Brisanter Anstieg der Kinderarmut durch Covid 19 – Pandemie

Erschreckende Zahlen für Wedding und Gesundbrunnen

Interview mit Barbara Herzig-Martens (BHM)

Durch die Covid-19-Pandemie erhält die soziale Frage als Einkommensschere erneute Brisanz: Denn im alten Bezirk Wedding (Wedding und Gesundbrunnen) stieg jetzt die Arbeitslosigkeit sogar um 48 Prozent (Weddinger Allgemeine Zeitung vom August 2020). Resultat der hier verbreiteten prekären Arbeit, die jetzt zu Entlassungen statt Kurzarbeit führte.  Du hast schon viele Jahre im Kinder- und Jugendbereich gearbeitet. Wie wirkt sich diese soziale Entwicklung auf die Kinder und Jugendlichen aus?

BHM:   Mittlerweile leben rund 66 Prozent, das heißt 2 von 3 Kindern und Jugendlichen im alten Bezirk Wedding, von Transferleistungen wie Hartz IV, also in einer tiefgreifenden Mangelsituation.

Es sind aber nicht allein die materiellen Einschränkungen, die die Kinder ertragen müssen.  Auch das schulische Fortkommen ist deutlich reduziert.  Die Corona-Krise hat Nachteile im Rahmen der Digitalisierung und der Elternverantwortung nochmals verstärkt.  Laut OECD-Report ist das Bildungssystem hierzulande ohnehin ausgesprochen undurchlässig und unterfinanziert.

BHM:    Armutserfahrungen haben insgesamt weitreichende Folgen für das Aufwachsen und die Teilhabechancen von Kindern. Sie nehmen auch seltener an Freizeitaktivitäten und Angeboten organisierter Gruppen teil als junge Menschen in einkommenssicheren Familien. Die Kinder reagieren auf die schlechte materielle Situation häufig mit seelischen und körperlichen Krankheiten und Entwicklungsproblemen.  Besonders deutlich zeigen sich ein geringes Selbstwertgefühl und vor allem eine weitverbreitete Scham.

Du hast schon öfter betont, dass das Thema Kinderarmut noch mehr als bisher ein Schwerpunkt der politischen Arbeit der Linken auch in Berlin werden sollte?

BHM:      Ich schlage eine Landesarbeitsgemeinschaft mit diesem Schwerpunkt vor, denn eine Gruppe von Menschen ist oft klüger als ein Einzelner.  Meine Idee ist es u.a., ein Bündnis mit linken Kinderorganisationen (SJD die Falken, Naturfreundejugend, linke Pfadfinder) und Gewerkschaften zu suchen.  Linke Kinder-Organisationen können die Kinderarmut nicht beseitigen.  Sie können jedoch eine kulturelle und gesellschaftliche Bildung vermitteln und entsprechende Initiativen vorbereiten. Die weitverbreitete Scham der Heranwachsenden könnte sich in Solidarität und in ein neues „Klassenbewusstsein“ verwandeln.  Für eine sozialistische Partei wie DIE LINKE eine immense kritische Kraft.

Das Interview für Mittendrin führte Rainer Scholz