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Die Gegenwart irrt zwischen Zukunft und Vergangenheit

Die Not bremst unterschiedlich. Nach dem furchtbaren Unfall in der Invalidenstraße gibt es hier seit kurzem Markierungen: Je eine Spur für Fahrräder, Autos und Straßenbahnen teilen sich die andere. Die Ampel wurde angepasst, eine zweite fehlt, halbhoch verhindern abschnittsweise rotweiße Poller Kurzparker. Die Warenanlieferung bis zur Tür ist entfallen, der Bürgersteig fast fahrradfrei. Dafür gibt´s Autostau in der parallelen Torstraße, durch den sich unsereins bei Fußgängergrün durchquetscht. Ganzheitlich ist ein Schlagwort. Mich nervt das urbane Stückwerk, Corona macht wütend: Zuviel verpasste Chancen, Dauerchaos, politischer Leichtsinn, Ödnis, Lethargie, Grobheit, gewollte Provokationen. Andererseits Schnelltests, Code-Briefe, Impf-Termine, Pfizer, Moderna, Astra… Stimmungen und Erkenntnisse kommen und gehen, ich muss die neue Gangart des Lebens erlernen, Zukunft nimmt keine Rücksicht auf Gegenwart. Mit Berlins Mietendeckel hat’s nicht geklappt, wird jetzt mehr gebaut? Alte Läden schließen, neue öffnen, auch für Brot und Kuchen. In Mitte wird Wohnraum-Leerstand beklagt, nicht geahndet, das Friedrichstraßenprojekt dümpelt, Parks sind geputzter, es grünt, Sonne und Regen bleichen die Hinweise zur Maskenpflicht aus. Letztens schnauzte ein halbmaskierter Herr mit Stock, ihm sei der vorgegebene Abstand zu kurz. Ich schotte mich notgedrungen ab, mir fehlen Ziele, Zufallsbegegnungen, unverbindlicher Schwatz, lieber Kaffee, Kuchen, Imbiss to-go als gar nichts. Bewegung tut gut, Nachtaktive hinterlassen Pappen, Büchsen, Flaschen, Kippen, ohne Club und Kneipe sind Büsche, Bäume, Ecken das Klo. Fehlt dem Ordnungsamt Geruchsinn, der Polizei nächtliches Personal, der Politik Bürgernähe? Mein mittiges Lebensgefühl ist eine Erinnerung, ist Film und Foto. Hier war’s sicht- und hörbar schriller als anderswo, wurde eng, laut, fröhlich, versonnen, staunend, eilig, gereizt, privat, öffentlich gedrängelt, gezahlt, geredet, gekreischt, getanzt, gelacht, gegessen. Das war der Zeitgeist. Welcher reproduziert nun ein neues Puzzle aus lebenshungrig Ex- und Introvertierten, technisch und modisch Affinen, das verwegen bunte Volk der alten Mitte? Das Corona-Jahr überwältigt Jung, Älter, Alt, urbanen Durchschnitt, milde bis wilde Exzentriker, Passanten, Nachbarn, Neugierige, Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit. Ich muss also abwarten, Tee trinken, kulinarische Extravaganzen üben. 

Irene Runge