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Inge Jacobeit - Vermächtnis einer 90-jährigen

In der Weimarer Republik geboren, im Faschismus aufgewachsen, könnte das Leben von Inge Jacobeit ein spannendes Bilderbuch sein über den Aufbruch im Osten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Als 17-jähriger Lehrling organisierte die Tochter einer kommunistischen Familie im März 1946 in der Weberei Großlaub im sächsischen Leisnig gegen den Widerstand des Besitzers die erste FDJ-Gruppe. Ein paar Wochen später wurde sie Mitglied der gerade gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und bald schon Abgeordnete des Kreistages in Döbeln. "Als eben ausgebildete Weberin folgte ich dem Ruf, als Neulehrerin und Pionierleiterin an die Grundschule in Leisnig zu gehen. Nach drei Jahren holte man mich nach Berlin - dorthin, 'wo du dringend gebraucht wirst', wie es unser Kreisvorsitzender formulierte", denkt Inge Jacobeit zurück.

In der damaligen 27. Schule in der Friedrichstraße musste sich die junge Frau, die 1929 in Ottendorf bei Hainichen das Licht der Welt erblickte, gegen den Widerstand von letzten Lehrern aus der Nazizeit und aus dem Westteil der Stadt mit allem Mut durchsetzen. "Es war kein leichter Start damals 1950 in Berlin", erinnert sie sich, "aber ich wusste bald, dass ich hier bleiben werde". Denn auch die DDR-Hauptstadt brauchte viele engagierte Hände und Herzen. "Ich gehörte zu den Tausenden Bauhelfern für die geplante Stalin-Allee, war eine der Trümmerfrauen", ist sie jetzt noch stolz. "Heute muss ich weinen, wenn ich von den Machenschaften der Deutsche Wohnen höre, von dem Mietenskandal für Häuser, die wir damals unter riesigen Mühen und größten wirtschaftlichen Schwierigkeiten gebaut haben!"

Inge Jacobeit arbeitete dann bis 1989 überall dort, wo sie ihr Wissen und ihre reichen Erfahrungen einbringen konnte. In der FDJ-Kreisleitung Mitte in der Albrechtstraße war sie zuerst verantwortlich für Agitation, dann hauptamtlich als 2. Sekretär. 1956 heiratete sie den damaligen FDJ-Sekretär und Abteilungsleiter der Berliner Verkehrsbetriebe, wurde Mutter eines Sohnes und einer Tochter. 39-jährig wird sie die Kaderleiterin in der SED-Kreisleitung von Mitte. "Dann ging ich in die Wirtschaft, war Personalchefin des VEB SECURA-Werke Berlin für Rechenmaschinen und Kopiergeräte. 

"Mein Herz gehörte aber auch mein ganzes Leben lang der Volkssolidarität", gesteht sie. "Nach dem Krieg brauchten viele Witwen und Kinder Unterstützung. Seit der 'Wende' haben die soziale Ungleichheit und die Armut in unserem Bezirk rasant zugenommen. In meiner Zeit als stellvertretende Vorsitzende des Verbandes in Mitte konnten wir Seniorenklubs und Kinder- und Jugendtreffs eröffnen, kämpften aber auch gegen Schließungen". Noch jetzt ähneln  Besuche von ehemaligen Mitstreitern  bei der betagten und noch sehr agilen Inge Jacobeit - sie beging Anfang des Jahres ihren 90. Geburtstag -  "Leitungssitzungen", bei denen sie aus ihrem reichen Erfahrungsschatz in einem bewegten Leben schöpft. "Das menschliche Mit- und Füreinander, die Solidarität mit den Benachteiligten müssen erhalten bleiben", betont sie. "Und wir müssen mehr tun für den Frieden, gegen Hass und rechtes Gedankengut. So vieles, was ich heute beobachte, habe ich als Kind und Jugendliche erlebt in den verhängnisvollen 30er und 40er-Jahren". Das Vermächtnis einer 90-Jährigen.

Matthias Herold