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Stadtluft und Bio-Bowls

Trübe, feuchte, gar eisige Tage werden kommen, doch noch wirken Tor- und angrenzende Straßen herbstlich. In der Großen Hamburger und Dorotheenstraße wartet man wie immer bei Beets & Roots auf Bowls, Soups, Salads und Wraps, die Bio-Cafés, Restaurants und Imbissstuben sind voll, denn Berlins Haupt-, Nach-, Unter- und Mitmieter kochen eher nicht. Statistisch ist die Hälfte der Bevölkerung alleinstehend, was nichts über gemeinschaftliches Essen und Wohnen aussagt. Stadtluft macht frei. Die industrielle Revolution schuf Mietskaserne und Proletarier, bei der digitalen gehts um WGs und flexible, teamfähige Typen. Die gehören zu den bald vier Millionen Menschen, die dann in Berlins Bahnen, Trams und Bussen drängen, neben Autos radeln, spazieren, rennen, konsumieren, Straßen, Plätze füllen, Räume für Kunst, Kultur, Geselligkeit und Wartezimmer beanspruchen werden. Eingefleischte Gewissheiten verschwinden. Die Mitte hat sich allmählich an Überalterung und Verjüngung, co-working spaces, factories, free WiFi, Podcasts, Facebook-Freundschaften, Uber und Yelp, fremdelnde Nachbarn, Touristen und diverse Alltagssprachen gewöhnt.

In meiner Gegend werden Bücher jetzt auf der Straße entsorgt. Selbst geschenkt wollen Büchertische, Büchereien, Vereine, Antiquariate sie nicht haben. Mr. Carnegie finanzierte einst Manhattans Bibliotheken als fussläufig erreichbare Nachbarschaftshäuser. Der Film „The New York Public Library“ zeigt, wie das heute funktioniert. Liegt bei uns die Zukunft von Sperrmüll, Klamotten und Literatur auf der Straße?

Der „Kampf um die Stadt“ war unlängst Motto der 5. Democracy Lecture. Als Referent der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ sprach der US-Amerikaner Richard Sennett, bedeutender Stadtforscher, in London lebend, Globalität und Regionalität von Großstädten erforschend. Rund 1400 meist junge Leute kamen zu ihm ins Haus der Kulturen der Welt. Der Soziologe, Planer, Teamworker, Stadtanalytiker und Autor fesselte die Zuhörenden charmant, witzig, altersweise, ein wenig skurril. Pädagogisch erfahren, kapitalismuskritisch ohne platte Ideologie, diskutierte er Widersprüche und Herausforderungen der „open and gated cities“, Chancen und Grenzen der Toleranz, auch der Smart City. Später traf ich an der Haltestelle Wartende meines Alters, die sich im „Tipi“ amüsiert hatten. Unser Weg war holprig, der Tiergarten finster, der Bus verspätet, die S-Bahn fuhr nicht. So verbündeten wir uns mitten im nächtlichen Berlin.

Irene Runge