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Wohnen bestimmt das Lebensgefühl

Tabula Rasa mittendrin von Mitte

Der Mietendeckel ist jung, noch unbefestigt, der Alltag hat schon umgeschaltet. Auf der Straße rumpeln Wortfetzen wie Thüringen, Corona, Kino, Fasching, unverändert die Wut auf E-Roller und Fahrräder auf dem Trottoir. Fußgänger stören. Ein einziger Mietendeckel reicht nicht. Der Anglerbedarf Invalidenstraße hat nach drei Jahrzehnten wegen zu hoher Gewerbemiete auch aufgegeben. Früher war hier eine Kneipe, die soll mit der DDR untergegangen sein. Die Stadt bricht permanent um. Politische Luftblasen platzen, in der Invalidenstraße gibt´s weiterhin keinen Fahrradweg, kein Parkverbot, an der Ackerstraße regelt die Ampel wie zuvor nur den halben Verkehr. Das Eckhaus wird privat erbaut.

Berlins Deckel soll auf 90 Prozent aller vor 2014 gebauten Miethäuser passen? Manche murren, im schönen Altbau wohne das Geld, aber wir Altmieter waren auch vor 20 Jahren nicht reich. Das Haus rechts wurde seither in Eigentumswohnungen aufgeteilt, der linke Doppelaltbau ist voll vermietet und grob renoviert, daneben protzt gelbocker das allerschönste Haus am Platz. Daneben blassgrauweiß, bescheiden und schmal ein Altmieter-Gebäude. Bis weit ums Eck reicht die WBM-Platte. So sieht eine Berliner Mischung in Altmitte aus: Alt-, Neubau, Platte, verkehrsgünstig, fußnah kein Netto, Lidl, Aldi, ein Rewe, im Umfeld kleinere EDEKA, etwas Feinkost, Gastronomie, die Tucholskystraße bekommt neben Sarah Wiener’s Brot- und Kuchen einen Regionalladen für Bio-Fleisch- und Wurst. Bayrisches Bio-Lamm gibt’s in der Invalidenstraße. Luxus? Der sieht wahrlich anders aus. Vor allem weniger schmuddlig.

In diesem Winter ist der Frühling in aller Munde. Bäume knospen, Parkbänke bleiben beschmiert, Müll verweht, es ist eng und gemütlich. Im Sommer verdorrt der Rasen zwischen trockenen Hecken und Sträuchern. Geklagt und gewohnt wird verschieden, auch, weil wir unterschiedlich sind. Ungerecht bleibt, dass, wer bezahlbar mieten will, heute das Nachsehen hat. Die Nachfrage ist größer als der Neubau, in der Breiten Straße hinterm Humboldt-Schloss haben sie mit dem Bauen noch nicht einmal begonnen! Derweil zerlegte Sturm Sabine in der Sophienstraße ein klappriges Baugerüst. Dahinter, seit langem unbewohnt, jetzt nacktgeklopft, mit offenen Fenstern, ein altes Häuslein. Eigentum, mit oder ohne Mietendeckel? Nicht nur ich wüsste gern, wann in diesem Geisterhaus wieder gewohnt werden kann.

Irene Runge